Post von Kim Aileen Zambellini aus unserer Community
Drei Monate war ich gleichzeitig mit meinem Mann und mit einer Frau zusammen. In dieser Zeit habe ich mich als bisexuelle Frau zum ersten Mal in meiner Sexualität vollkommen gefühlt. Und gleichzeitig wurde Bi-Erasure für mich so greifbar wie nie zuvor.
Dabei hatte ich das Privileg, lange nicht hinschauen zu müssen. Als bisexuelle Frau in einer heterosexuellen Beziehung falle ich nicht auf – ich genieße die Sicherheit, die Normalität, das sich-nicht-erklären-Müssen. Aber unsichtbar zu sein bedeutet auch, nicht ganz zu sein. Das habe ich erst verstanden, als plötzlich beides gleichzeitig da war: das Privileg und die Hürde, die Sichtbarkeit und die Auslöschung.
Als ich nichts hinterfragen musste
Als Bisexuelle in unserer heteronormativen Welt habe ich lange meine eigene Sexualität nicht infrage gestellt. In der Schulzeit war ich glücklich damit, Erfahrungen mit Jungs zu sammeln. Ich hatte nie aktiv einen Crush auf ein Mädchen, sodass ich nie hinterfragen musste, ob da noch mehr als nur Heterosexualität in mir schlummerte. Wie auch? So richtig viel Zeit blieb mir nicht zwischen meinen Beziehungen und während ich in einer Beziehung war, habe ich nie nach rechts oder links geschaut. Für mich war es „normal", mit einem Jungen zusammen zu sein, weil ich es tagtäglich vorgelebt bekam.
Erst während meiner Studienzeit, als ich anfing zu schreiben und als die aktuelle Beziehung bereits in Freundschaft überging, kamen hin und wieder Gedanken an Frauen – gar nicht mal an reale aus dem Alltag, aber zum Beispiel aus Büchern und Geschichten – und mit ihnen die Frage, ob ich tatsächlich nur auf Männer stand? Da ich aber auch da noch in meiner Langzeitbeziehung aus der Schulzeit war, konnte ich der Frage nur theoretisch nachgehen – in meinem Kopf und in meinen Geschichten.
Als ich noch Beweise brauchte
Erst als mich meine Ausbildung nach dem Studium in den Süden Deutschlands verschlug, unsere Beziehung in eine Fernbeziehung überging und wir letztendlich akzeptierten, dass wir mittlerweile mehr beste Freund:innen als feste Freund:innen waren, bekam ich die Chance, meine Sexualität neu zu erkunden. Denn irgendwie brauchte ich Beweise, damit ich mir selbst glauben konnte, was ich innerlich seit etwas mehr als einem Jahr fühlte.
Und wenngleich ich es mir „bewiesen“ habe, dass ich wirklich und wahrhaftig bisexuell war – oder wahlweise pansexuell, wenn ich in der Stimmung war, meine Sexualität zu erklären –, landete ich letztlich doch wieder bei einem Mann. Und zwar nicht irgendeinem, sondern meinem Mann.
Als ich anfing, mich selbst auszulöschen
Ich startete offen über meine Sexualität in unsere Partnerschaft und auch meine Gedanken dazu, dass ich mir vorstellen konnte, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, verheimlichte ich ihm nicht. Er war klar darüber, dass er monogam leben wollte, und ich akzeptierte das für den Moment. Unsere Liebe war größer, als diese Diskrepanz für ein zu großes Hindernis zwischen uns zu sehen.
Zu Beginn unserer – faktisch heterosexuellen – Partnerschaft war ich zumindest in meinem Job in der Verlagsbranche noch aktiv queer unterwegs, indem ich keinen Versuch unterließ, queere Geschichten in das Programm zu bringen.
Doch dann wurde ich Mutter und plötzlich drehte sich mein Leben darum, 24/7 für diesen kleinen neuen Erdenbürger da zu sein und irgendwie auf das neue Leben klarzukommen. Und nebenbei wurde mir bewusst, dass ich lange gar nicht das Leben gelebt hatte, was eigentlich nach mir rief. Während ich mir also selbst immer näher kam, entfernte ich mich Tag für Tag weiter von meiner Bisexualität. Ich löschte unbewusst und unbeabsichtigt mehr und mehr einen Teil von mir aus – einfach weil ich ihn nicht mehr aktiv lebte oder repräsentierte.
Als ich plötzlich beides gleichzeitig lebte
Die Tatsache, dass ich mehrere Menschen gleichzeitig lieben konnte, stand etwa einmal im Jahr auf unserer Agenda – nämlich immer dann, wenn bei mir die Angst überhand nahm, dass ich mich unbeabsichtigt in einen weiteren Menschen verlieben könnte. Wovon ich wusste, dass es meinen Mann verletzen würde.
Und dann kam der Tag, an dem nicht nur ich mich, sondern gleich wir beide uns in einen wunderbaren Menschen verliebten – in eine Frau. Abgesehen davon, dass wir versuchten, irgendwie diese Liebe jenseits der Norm zu navigieren, uns den Themen zu stellen, die sie mit sich brachte, durfte ich gefühlt das erste Mal so richtig tief eine Frau lieben, wie ich es zuvor noch nicht getan hatte. Und dieses Gefühl nach Jahren „ohne“ meiner Bisexualität war wunderschön.
Plötzlich hatte ich in der Öffentlichkeit gleichzeitig das Privileg, mit meinem Mann nicht aufzufallen oder mich erklären zu müssen, und die Blicke von Fremden, wenn ich meine Freundin öffentlich küsste. Ich musste mich wieder aktiv outen, wenn ich meine Freundin vorstellte, statt von meinem Gegenüber per Default als heterosexuell eingeordnet zu werden, wenn jemand meinen Mann sah. Und unser Tagträumen von gemeinsamen Reisen bekam einen bitteren Beigeschmack: Unsere Liebe war nicht überall auf der Erde legal. Es war bittersüß und augenöffnend zugleich.
Als ich zum ersten Mal in mir vollkommen war
Ich habe diese Erfahrung gebraucht – auch wenn sie letztlich nicht so ausgegangen ist, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber das Gefühl, gleichzeitig von einer Frau und von einem Mann geliebt zu werden und sie zu lieben, hat mich auf Ebenen befreit, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ich war endlich nicht mehr das eine oder das andere, sondern konnte beide Aspekte meiner Sexualität gleichzeitig ausleben. Es war keine „Phase“ und ich konnte mich auch nicht einfach nur „nicht entscheiden“.
Ich durfte erleben, dass die Liebe und sexuelle Komponente zu einem Mann und einer Frau sich komplett unterschiedlich anfühlen – und weder der einen noch der anderen etwas „fehlt“. Die eine Verbindung war nicht stärker oder schwächer als die andere, nur weil sie zu einem anderen Geschlecht war, und ein Vergleich war quasi unmöglich. Und genau diese Erfahrung hat für mich persönlich alle Vorurteile, mit denen man sich als bisexueller Mensch rumschlagen muss, komplett ausgehebelt.
Was das für mich als Bisexuelle bedeutet – und was nicht
Für mich persönlich bedeutet das nicht, dass ich ab jetzt nur noch gleichzeitig mit einer Frau und einem Mann zusammen sein will, damit ich meine „vollständige“ Bisexualität spüren kann. Ich bin genauso bisexuell, vollkommen und glücklich, wenn ich „nur“ mit meinem Mann zusammen bin – der Unterschied ist, dass ich zum ersten Mal wirklich frei wähle. Und ich weiß jetzt, dass ich meine Bisexualität nie wieder unsichtbar werden lassen möchte. Dafür muss ich nicht polyamor unterwegs sein, ich kann auch so meine Bisexualität sichtbar „leben“ – indem ich darüber schreibe und sie nicht verheimliche oder unter den Tisch fallen lasse. Und indem ich mich mit der Community verbinde.
About: Kim ist Bloggerin und schreibt auf www.liebeistnichtlinear.blog über Selbstliebe, Kommunikation und Liebe jenseits der Norm. Sie ist bisexuell und verheiratet, ambiamor und monogam – und überzeugt, dass Liebe selten linear verläuft.
